Allgemein · Alltag

Das Realitäts-Filter Auto, oder wie ich wieder das Fahrradfahren lernte


   Das Auto…irgendwann mal Ende des 19. Jahrhunderts erdacht und zum Wohle der Menschheit (sowie der eigenen Geldbörse) und im Sinne des Fortschritts erfunden, begleitet es uns, mit stetig wachsender Zahl, durch unser Leben von Geburt an bis an das Ende. Manch ein Individuum kam schon sogar in einem Auto zur Welt und manch einer ist schon in einem solchen auch dahin geschieden.

   Mal als Fortbewegungsmittel gedacht, beschleunigte es unsere Welt, unseren Konsum und unsere Kriege. Eine kleine autarke Welt mit eigener Klimatisierung und mehr oder weniger weichen Sitzen. Wir lassen uns nur zu gerne von der eingebauten Musikanlage berieseln, die die Fahrgeräusche übertönt und unsere Gedanken in eine bestimmte Richtung dahinfließen läßt. Die Welt um uns herum bewegt sich in einem Schnelldurchlauf und hinterlässt in uns nur einen Abklatsch von der Realität, ohne Geruch,ohne Sinn und Verstand. 

    Wir wähnen uns in einer völligen Sicherheit ob an- oder unangeschnallt (bei neueren Autos fast unmöglich, weil ja diese Zicken dann unentwegt piepsen)mit all den Airbags und sonstigen Sicherheitssystemen und lassen dabei manchmal unseren übelsten Charaktereigenschaften freien Lauf. Scheiben zu-Frust raus! Wir müssen ja nicht ein mal mehr eine Karte lesen können!

   Nun fast jeder von uns besitzt mittlerweile eins von diesen Wundergeräten, die uns nach wie vor von Punkt A nach Punkt B befördern mit mehr oder weniger Stau auf dem Weg.

   Eines Tages, wetterbedingt, oder aus anderen mir unbekannten Beweggründen, sagte mir meine Frau (die ich über alles liebe und schätze;)) „Schatz, lass uns Fahrrad fahren!“ Nicht ohne zu meckern „Es wäre schon relativ spät und zu warm u.s.w.“ ging ich trotzdem etwas später dann doch in die Garage um die Fahrräder wieder fahrtüchtig zu reparieren. Wie sich herausstellte, musste nur die Luft wieder in die Reifen und fertig waren die Drahtesel. 

   Man sagt nicht umsonst,dass man Fahrrad fahren irgendwie nie verlernt. Nach ein Paar hundert zurückgelegten Meter war das sichere Gefühl wieder da und der Esel aus Alu und Plastik gehorchte mir wieder wie in alten guten Zeiten. Der Wind blies mir durch mein nicht vorhandenes Haar und ich wurde wieder ein Teil von der Welt um mich herum. Ich konnte die Luft wieder riechen, ja fast schmecken (wobei ich nicht sicher bin ob es nicht die Fliege war, die mir in mein weit geöffneten Mund geflogen ist). Die selben Straßen, die ich sonst in Hektik und in Eile mit dem Auto hin und her befuhr, waren mir aus der Perspektive eines Fahrradfahrers völlig neu. Ich erfasste mich durch die Straßen. Ich sah Dinge, die sonst ungesehen geblieben wären.Das Tausch-Bücherregal, was in einer dichtbewachsener Hecke fast unsichtbar befestigt war, zwang uns dann zu einer Pause. Nach dem ich die Bücher durchstöbert habe und fast eine Ausgabe von Karl Mays Winnetou mitnahm, fuhren wir dann weiter mitten in ein Naturschutzgebiet hinein. Die grüne, zwitschernde und sehr lebendige Flut von der Welt nahm mich völlig ein. 

   Unterbrochen wurden wir nur von der abspringenden und schlecht geölten Fahrradkette meines Fahrrads, die ich mit wenigen Handgriffen sicher wieder auf die Zahnräder steckte, was in mir die Erinnerung an die lang zurückliegende Zeit weckte.

   Glücklich und etwas müde kamen wir irgendwann zu Hause an und als ich die Räder wieder in der Garage verschloss, spürte ich, dass sich die Welt da draußen mir wieder ein Stück näherte…

In dem Sinne

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