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Der Schnee von gestern

Ich frage mich andauernd und das bald zwanghaft warum es auf dieser Welt nur so wenige, herausragende und dazu auch noch so gutaussehende Persönlichkeiten wie mich gibt und warum der Schnee früher sehr viel weißer war?

Das mit dem Schnee und mit früher kann ich besonders gut beurteilen, weil es mich wie auch den Schnee schon sehr viel früher gab und wahrscheinlich immer geben wird. So ganz geht man nie. Energieerhaltungssatz lässt grüßen!

In meiner Kindheit war ich etwas kleiner hatte aber mehr Haare auf dem Haupt. Dafür war ich aber nicht weniger neugierig und so konnte ich den Schnee in seiner ganzen Pracht aus der Rastersondenmikroskop-Perspektive und zur meiner vollsten Befriedigung betrachten.

Verholfen hat mir dabei mein Lieblingsnachbarsjunge Vasilij von nebenan. Er wohnte in einem dieser typischen sowjetischen Mehrfamilienhäuser. Errichtet in den Achtzigern und für die Ewigkeit. Nur leider hatte die Ewigkeit solcher Bauprojekte in der Sowjetunion circa fünfzehn Jahre Bestand.

Dieses Kerlchen von nebenan war oft sehr frustriert und hämmerte mit seinen knochigen und dreckigen Fäusten auf alles ein was nicht bei drei auf einem Baum saß. Blöderweise konnte Vasilij verdammt gut auf die Bäume hochklettern und war zu alldem Überfluss auch noch sehr schnell zu Fuß unterwegs, der Höllenhund. Seine spargeldünnen Beine und Knie waren die meiste Zeit mit trockenen Schürfwunden übersät. Sein Gesicht mit der Spitzen Nase und den tief liegenden Augen hatte etwas von einem Erdmännchen. Und überhaupt sah Vasilij nicht sehr gut aus, aber wer tat es im Vergleich zu mir schon…

Im Winter schien sich der Vasilij auf jedem Straßenbelag mit Überschallgeschwindigkeit bewegen zu können und stand oft urplötzlich da und hatte einen Schneeball in der Hand. Seine Schneebälle besaßen keine Weiche Hülle wie übliche Ottonormalschneebälle, sondern waren durch das kurze Antauen und wieder Einfrieren hart wie eine Walnuss. Diese Waffe sollte so viel Schaden und Zerstörung wie möglich anrichten, so viel ist sicher. Vasilij war für seine hohe Trefferquote und sehr große Abwurffrequenz bekannt und somit gefürchtet. Kurzum war dieser nette Junge von nebenan nicht sehr beliebt.

Eines Morgens wurde ich unsanft von dem Gedanken, dass ich nicht sterben will und auf gar keinen Fall mir meine Nichtexistenz vorstellen kann, geweckt. Die Sonne schien ungewöhnlich hell für diese Jahreszeit, denn es war tiefster Winter. Mit dem faden Nachgeschmack des Albtraums in mir rannte ich stolpernd zum Fenster und sah voller Erstaunen die Ursache des hellen Lichts. Es scheint die ganze Nacht geschneit zu haben. Die Sonne spiegelte sich in dem Schnee und erleuchte alles in einem ganz hellen weißen Ton. Der frische Schnee lag wie Watte auf der Welt da draußen. Die Bäume und die Dächer schienen unter der Last des Schnees tiefer in die Erde zu versinken und ich meinte ein leises Knarzen zu vernehmen. Der Schnee im Winter in diesen Breitengraden war ja an sich nichts Seltenes. Besonders schön war aber die Tatsache, dass es ein Samstag war und mir der ganze Tag zur Verfügung stand. Eine Weile stand ich noch am Fenster und betrachtete die kalten, fraktalen Frostmuster, hauchte die Glasscheibe an und malte ein Lächeln in den feuchten Beschlag.

„Nichts wie raus“, murmelte ich und wurde prompt von meiner Mutter gestoppt.

„Nicht bevor es Frühstück gab und du dir deine Zähne geputzt hast!“

„Ich habe aber…“

„Ohne Essen und Zähneputzen kannst du direkt in die Ecke wandern!“, unterbrach meine Mama den ersten Ansturm des Widerstands.

Nach ewigen und quälenden zweiundzwanzig Minuten durfte ich mich endlich in warme Sachen kuscheln und raus raus raus! Mit schnellen Schritten, die Treppe fast runterfliegend, näherte ich mich der kühlen Frische.

Auf dem Hof angelangt, nahm ich einen ganz tiefen Atemzug und blies beim Ausatmen eine riesige Dampfwolke aus. Den Winter liebe ich unter anderem wegen dieser Dampfwolken. Ich komme mir jedes Mal wie eine Dampflok vor. (Kann es sein, dass ich nur wegen diesen Wolken geraucht habe?! Wurscht!) Die weiße Pracht unter meinen Füßen war wegen der eisigen Kälte wie Puderzucker und quietschte bei jedem Schritt so einzigartig wie es nur der Schnee kann.

Es gab so viel zu tun und noch viel mehr zu erledigen. Aus dem Schnee kann man Burgen, Häuser, Höhlen, Autos und natürlich stinknormale Schneeweiber bauen, ja Schneeweiber.

Die Vorfreude dauerte nur ein paar Augenblicke. Nach einem heftigen Stoß in den Rücken lag ich mit dem Gesicht in dem Schnee. Das Gesicht brannte vor Kälte, so als ob jemand heißen Wachs drüber kippte. Meine Nasenlöcher und der Mund füllten sich mit dem Schnee. Es schmeckte nach Staub und rostigem Eisen.

„Welches Ar…?“, da wurde ich, kaum den Kopf aus dem Schnee gehoben, schon wieder mit dem Schnee bedeckt. „Vasilij!!!“, dachte ich nur und schon hörte ich seine Stimme. Er bebte und schüttelte sich vor Lachen.

„Na warte!!! Dich kriege ich!“, schrie ich und griff wütend mit der Hand nach dem nächstmöglichen Gegenstand, welcher sich als ein runder Stein entpuppte. Außer sich vor Wut schleuderte ich den Stein in die Richtung aus der das Lachen kam. Was folgte war ein dumpfes Geräusch, welchen der Stein beim Aufprall auf Vasilijs Kopf verursachte. Danach schien die Zeit kurz stehen geblieben zu sein. Vasilij starrte mich lautlos mit weit aufgerissenen Augen und Mund an. In seinen Augen konnte ich Unverständnis und Überraschung erkennen. Die elektrische Spannung zwischen unseren Blicken konnte man riechen. Nach einer kurzen Ewigkeit schrie der Vasilij dann doch vor Schmerz und Demütigung. Der Lebenssaft was langsam aus seiner Wunde am Kopf tropfte färbte den Schnee tiefrot. Der Kontrast zwischen weiß und rot tat beim Betrachten weh und war überwältigend. Zur meiner Überraschung fing der verletzte Vasilij zu weinen an und begehrte gar nicht nach zuckersüßen Rache, sondern rannte quietschend nach Hause eine Tropfenspur aus Blut nach sich ziehend. Der Tag war wohl für mich und den blutenden Vasilij gelaufen. Wir erinnerten uns auch nie wieder an diese Begebenheit und wurden sogar zu guten Freunden. Es herrschte ein Stillschweigen Abkommen zwischen uns, was nie gebrochen wurde.

Ja der Schnee konnte auch rot sein. Und so weiß war er auch nie, wenn ich mich recht entsinne. Manchmal war der Schnee matschgrau und kastanienbraun. Relativ oft ist der Schnee auch berauschend. In der Erinnerung verblassen all die unschönen und schmerzvollen Dinge. Früher war nicht alles besser, früher gibt es gar nicht. Alles was existiert ist jetzt und hier. Zukunft ist noch nicht Vergangenheit ist schon. Allein die Sekunde de gerade verstrich ist weg und verdammt war das eine geile Sekunde, viel viel besser als die jetzige…oh ja…viel schneller war sie. Die jetzige Sekunde ist itrgendwie fett und langsam. Wenn es weiter so geht müssen wir die Minuten, Stunden, Tage, Jahre ja gar ganze Leben neu definieren.

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https://www.colourbox.de/bild/abstract-fraktalen-uhrwerk-digitale-grafik-fur-kreative-grafik-design-bild-7832289

Warum nur sind die Erinnerungen manchmal so real und plastisch? Was bezweckt unser Geist damit, uns in Erinnerung schwelgen zu lassen? Gibt es überhaupt einen Zweck? Oder ist alles um uns rum zwecklos? Warum gibt es denn das alles? Können Bäume vorsätzlich töten? Ich kann schwören, als ich heute barfuß auf einem Baum die allersüßesten Süßkirschen erntete, versuchte sich dieser Baum meiner mehrmals zu entledigen in dem es die Äste unter meinen nackten Füßen abbrach. Ich klammerte mich an dem Baum wie eine hungrige Zecke und überlebte alle Attentatsversuche. Erst als ich dem Baum versprach, seine Äste nicht mehr zu brechen und paar Kirschen für die Vögel da zu lassen, ja danach ließ er mich weiter sammeln. Ab und zu, als ich ihn mit meinen Füßen kitzelte, da wackelte er mit seinen Ästen und raschelte mit den Blättern…oder war es der Wind?

Was für ein seltsamer Tag?!

In dem Sinne….

 

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