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Die Geburt

Die laternenbeleuchte Brücke tauchte wie aus dem Nichts auf. Mein alter Renault schoss aus dem Tunnel auf die regengepeitschte Straße. Das Wasser unter den Reifen zischte und zerstäubte sich. Alle Ampeln standen auf grün und ich beschleunigte in der Hoffnung, es doch noch rechtzeitig zu schaffen. Auf der anderen Flussseite wartete ein ganz besonderer Mensch auf mich. Meine quälende Sehnsucht drückte noch mal auf das Gaspedal. Die bedrohlich wirkenden, dunklen Wolken hingen bleiern über der Stadt und gossen mit immer steigender Heftigkeit ihr Innerstes hinunter. Dort auf der anderen Seite, da wird mein Kummer, meine Sehnsucht gestillt werden. Die hinabstürzenden Wassermassen bildeten inzwischen eine undurchsichtige Wand. Nichts als Wasser, Dunkelheit und schemenhafte Umrisse der Brücke im Scheinwerferlicht. Nichts außer…
Es passierte viel zu schnell. Irgendetwas stand mitten auf der Brücke und versperrte mir den Weg. Die Zeit verlangsamte sich und blieb förmlich stehen. Ich riss das Lenkrad mit der ganzen Kraft die ich hatte rum. Ruckartig bewegte ich mich auf die Bordsteinkante zu. Der alte und gute Renault quietschte, stöhnte laut auf und hob ab. Die Windschutzscheibe bekam Risse und für einen winzig kleinen Augenblick spürte ich die Schwerelosigkeit. Am Lenkrad festgekrallt ging es für mich und meinen Renault abwärts. Die Beschleunigung drückte mich in den Sitz…Stille…Aufprall…Die eiskalten Wassermassen drangen durch die undicht gewordene Windschutzscheibe in den Innenraum und umklammerten mich nach und nach, nahmen mir den letzten Hauch des Atems. Das Leben gab mir so also einen Judaskuss. Blanke Panik und Angst vermischten sich zu einem Brei und nahmen mir alle Sinne. Gefüllt mit Wasser sank das Auto wie ein Stein zum Grund des Flusses. Ich hatte nur noch diesen Kampf auszufechten. Ich gegen den Fluss, gegen das Schicksal. Man kann sich keinen mächtigeren Gegner als das Schicksal selbst vorstellen. Wie sollte ich gegen die Vorsehung ankämpfen? Ich riss an dem Gurt, trat gegen die Windschutzscheibe, gegen alles was im Weg war. Ich schrie lautlos im Wasser. Die Luftblasen drangen aus meinem Mund und suchten sich mit meinem letzten Atem den schnellen Weg zur Oberfläche. Alle Versuche rauszukommen scheiterten kläglich. Ich muss atmen. Ich brauche Luft. Dem Drang einzuatmen konnte ich nicht mehr wiederstehen. Es zog, es zwang mich. Ich öffnete den Mund und nahm einen tiefen Atemzug Fluss. Die Lunge füllte sich mit dem totbringenden Wasser. Es wurde dunkel. Die Kälte drang immer tiefer in mich ein. Mit jeder Faser meines Körpers wurde ich zum Teil dieser Kälte. Die Dunkelheit wurde immer tiefer und die lebendigen Gefühle, die Angst, die Panik, die Sehnsucht erloschen langsam zu einem Klumpen Schwarz. Es blieb nur die Finsternis…

 

Schweißgebadet atmete ich pfeifend und ganz tief, mit der Gier eines Ertrinkenden, die Luft ein. Mehrmals, schwer atmend, schaute ich mich um…ich war nicht unter Wasser…das Zimmer um mich rum nahm Gestalt an und es dämmerte mir, dass ich nur geträumt habe.

 

 

In dem Sinne…

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