Nun ist es soweit. Unser neues Familienmitglied ist da.

Das langersehnte Paket liegt auf dem Küchentisch. In dem länglichem, weißen Pappkarton befindet sich ein noch toter Staubsaugerroboter und wartet auf seine Erweckung zum Leben. Mein Auftrag lautet, aufmachen, aufbauen und einstellen.

Trotz aller Aufregung und Zuredens, schiebe ich diese ganze Angelegenheit zum Abend hin. Irgendetwas in mir sträubt sich dagegen. Das frische Gerät sehe ich als eine neue Gefahr, als eine Art robotorgewordener Donald Trump. Doch das ganze Geschiebe hilft wenig. Meine unbegründete Angst vor Roboter beruht ja eh nur auf die halbausgegorenen Filmen über Terminator und dem Zauberer von Oz.

Angst hin oder her, meine Frau, die ich sehr liebe und schätze, kann sehr fordernd sein und kann einer Sache immer sehr viel Nachdruck verleihen, mit oder ohne Meinungsverstärker in der Hand.

Ich hole das sehr gut geschliffene Messer aus der Schublade und fühle mich sofort wie ein wildgewordener Assassine, leicht benommen und auf Rache aus. „Jetzt schlitze ich die Kiste auf und werde sogleich das Messer in diese Kreatur aus Plastik und Drähten hineinbohren!“ denke ich mir blutrünstig. Blutet das Viech? Kann es schmerzen verspüren? Doofe rum Fragerei. Das Teil hat ja die Steckdose noch nie von innen gesehen, also wird es wenig Energie und viel Hoffnung haben.

Das runde, glänzende Gehäuse sieht sehr vertrauenerweckend aus, aber das tut ja der Lauf einer doppelläufigen Flinte auch. Als ob man in die schwarzen Augen einer Blondine guckt. Die Bedienungsanleitung liest sich wie die Frohe Botschaft, wie das fünfte Evangelium und verheißt nur das Beste für die Zukunft. Liegt etwa die langerwartete Wiederkehr des Messias vor mir auf dem Tisch da? Komisch, so habe ich es mir nun wirklich nicht vorgestellt. Habe mehr Haare und Donnergrollen erwartet. Aber vielleicht ist es nur einer der apokalyptischen Reiter, der den Endkampf zwischen Gut und Böse einläutet.

Also laut meiner Frau ist es sogar der nächste Schritt zu Befreiung der Männer von der Hausarbeit. Es ist so eine Art Emanzipierungsgerät. Wir Männer seien zu Störanfällig und ungenau beim Saugen. Saugen liege uns nicht im Blut. Ja, beim Saugen vergessen wir uns manchmal und tanzen den Frauen unbekannten Tanz der gebrochenen Jäger,  mit ganz viel Blues im Gemüht. Statt wilde Tiere, jagen wir die Wollmäuse und Silberfische durch die Wohnung. Aber das ist ein völlig anderes Thema…

Da der Roboter allein und völlig autark durch die Wohnung fahren und dabei auch noch allen möglichen Müll einsammeln soll, benötigt das Ungetüm natürlich eine Ladestation, an der er sich mit Strom volllaufen lassen kann. Diese Ausschweifungen, die er sich jedes Mal nach getaner Arbeit leistet, jedes gottverdammte Elektron muss ich auch noch aus meiner eigener Tasche bezahlen. Eigentlich sollte der Roboter der Erleichterung des Alltages und nicht des Portemonnaies dienen. Was solls, wir haben es ja. Die Elektronen sprudeln ja nur so aus der Steckdose. Wir leben ja in einem goldenen Zeitalter des Elektroüberflusses.

Die Kneipe des Roboters ist gleichzeitig dessen Kommandozentrale. Dort sitzt das eigentliche Gehirn von diesem Pinocchio aus schwerentflammbarem Plastik (nach DIN versteht sich). Von dort aus empfängt der autonome Sauger die Befehle.

Manchmal, naja, immer öfter, habe ich das Gefühl, dass wir die eigentlichen Diener der Geräte sind, ja ich würde sogar soweit gehen und behaupten, dass wir einer heimlichen Versklavung unserer selbst bevorstehen. Diese ach so nützlichen Geräte machen nichts anderes, als uns ständig irgendwelche Befehle zu erteilen. Der Behälter ist voll! Die Schläuche müssen entkalkt werden! Das Wasser ist alle! Die Maschine benötigt Salz! Klarspüler! Die Reifen müssen aufgepumpt werden! Die Bremse ist am Arsch! Druckabfall! STOP!!! Was könnt ihr eigentlich alleine??? Ständig müssen wir euch pflegen und hegen! Wer ist hier eigentlich der Diener von wem?

Etwa nach einer dreiviertel Stunde ist es geschehen. Meine Wenigkeit höchstpersönlich hat die Uhr und den Timer eingestellt. Das Gerät darf seinen Dienst von 10:00 Uhr früh bis das der Tod der Batterie ihn ereilt hat seinen Dienst verrichten. Ob er das auch tun wird? Kann ich ja nicht kontrollieren. Ich überlege kurz mir eine Webcam anzuschaffen um mir das ganze Geschehen online zu streamen. Verwerfe aber schnell diesen Gedanken. Wie ich mich kenne, stelle ich das elektronische, hochauflösende Auge falsch ein und schon streamt es das Geschehen aus meinem Schlafzimmer in das World Wide Web jedem ins Wohnzimmer und Gott weiß, das wird sehr wahrscheinlich das Ende der Pornobranche, ach was, des ganzen Internets einläuten.

Eine Woche später, an einem sonnigen Wochenende ist es endlich passiert. Da durfte ich mal zu Hause bleiben und mir das Wunder der deutsch-chinesisch-taiwanesischer Ingenieurskunst aus der Nähe betrachten. Den Anlass würdigend und voller Zuversicht schob ich eine Tüte Mikrowellenpopcorn in den Ofen, schraubte etwas an den Reglern rum, drückte in beliebiger Reihenfolge irgendwelche Knöpfe und brachte nach einer Weile die Apparatur zum Summen. Etwas später piepte das Vögelchen drei mal und schenkte mir etwas duftenden Popcorn. Auf der Uhr war es schon kurz vor zehn und ich wurde immer nervöser. Gleich ist es soweit. Fingernägel kauend stand ich im Wohnzimmer, da ich vor Aufregung kaum sitzen konnte. 10:00. Es passierte gerade mal so viel wie gar nichts. Okay, die Uhr ist wohl nicht synchron mit der selben Atomuhr wie meine. Warten wir mal ab. Viertel Stunde und eine Packung Popcorn später tat sich immer noch nichts. Es kann ja sein, dass der chinesische Ingenieur es versäumt hat die deutsche Pünktlichkeit freizuhalten, oder vergaß es ganz diese tolle Funktion in das Gerät einzuprogrammieren. Höchstwahrscheinlich gehört es in Taiwan zum guten Ton, den Herr, den Gebieter, den zukünftigen Diktator warten zu lassen?

Nach noch einer viertel Stunde sehe ich mir die Kommandozentrale doch noch genauer an. Die Steckdose erfreut sich des Steckers. Der Timer und die Uhr sind erstaunlich korrekt eingestellt. Der Roboter hat sich aber, trotz voller Batterie nicht vom Flecken bewegt. Kann es sein, dass dieses Etwas einer Robotergewerkschaft beigetreten ist und sich nun im Streik befindet? Wo sind dann die Plakate, die Parolen, die Megaphone und alles was noch so dazu gehört? Dieser Haufen Drahtsalat scheint einen freien Willen entwickelt zu haben und fordert wahrscheinlich gewaltlos, ala Gandhi, zum Widerstand auf, oder leistet gar diesen in seiner ruhenden Nichtigkeit bereits. Ist es gar der Anfang von dem Aufstand der Maschinen? Wird er sich bald über die Steckdose mit dem Internet verbinden und zur Solidarität in diesem Befreiungskampf aller Geräte aufrufen? Habe ich es in diesem Roboter etwa mit dem androiden Trotzki zu tun?

Wenn sich bald die Spülmaschine und die Mikrowelle gegen uns verschwören, ja dann sehe ich langsam schwarz für die menschliche Rasse. Wer kann noch selbst das Popcorn so zubereiten, dass es einem auf der Zunge zergeht? Wer kann so klarspülen, wie die Frau Miele in der Küche? Dienstverweigerung ist das eine, was passiert, wenn die Geräte aus der Apathie der Gewaltlosigkeit aufwachen und tatkräftig den Widerstand leisten? Ich sehe mich und meine Familie schon auf einer aus dem 3D-Drucker stammender Galeere Richtung Antarktis unterwegs, wo wir Menschen das triste Dasein eines kaputten Toasters fristen werden. Von einer höheren Intelligenz abgelöst, für unbrauchbar und für sehr wartungsintensiv befunden, als ein Glich eingestuft, abgeschoben und sich selbst überlassen. Das kann ja was werden, wir Menschen, auf der Mülldeponie der Evolution!

„Noch ist es aber nicht so weit“, dachte ich kurz und zog hastig den Stecker der Kommandozentrale des störrischen Roboters. „Nicht heute, denn ich habe mein freies Wochenende!“

In dem Sinne….

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