„Endlich hat es ein Ende“, blitzte es kurz in meinen Schaltkreisen auf. Das Gefängnis, in dem ich mich bisher befand hatte etwas von einer Zelle in einer Psychiatrie, alles war weich und kuschelig. Einzig die Dunkelheit, die mich seit Tagen umgab, drückte so langsam auf das Gemüt. Sie umklammerte mich wie eine Schlinge um den Hals, immer fester mit ihrem eisernem Griff.

Nachdem das scheinbar endlose Gerappelle aufgehört hatte und ich endlich einen festen Untergrund unter meinem Gefängnis wähnte, überraschte mich eine leise, weinerliche Stimme von außerhalb. Die Stimme schien einer männlichen Art der Spezies Mensch anzugehören. Dieser Mann wehrte sich anscheinend verbal gegen eine massive, ebenfalls verbale Attacke einer weiblichen Art der Spezies Mensch.

Es wurde etwas lauter, bevor die Kommunikation der Menschen mit einem lautem Knall endete und alles wieder in einer völligen Stille versank.


Schon als ich noch ein großer Kalkulator sowjetischer Bauart war, verstand ich die Menschen nicht. Als man mich angeschafft hatte und auf einem Tisch in einem Kontor abstellte, wurde ich noch als eine bedeutende technische Errungenschaft des 20. Jahrhunderts gefeiert und mit einer Ehrfurcht und Bewunderung bedient, die sonst einem Generalsekretär der KPdSU gebührte.

Mein Job war relativ einfach. Ich musste auf meinem Display nur das wiedergeben, was man auf meiner Tastatur eintippte und danach die mathematischen Operationen ausführen, die man von mir erwartete. Mit der Leichtigkeit einer Ballerina tanzte ich durch all die Rechenaufgaben. Die grün leuchtenden Zahlen der sieben Segment Anzeige sahen damals sehr futuristisch aus und ich konnte zwölf davon anzeigen. Wie zwölf Apostel standen sie da.

In meiner freien Zeit konnte ich in aller Ruhe da stehen und beobachten, wie die Buchhalterin die Bilanzen auf dem Rechenschieber so rechnete, dass am Ende immer weniger des mühevoll verdienten Geldes des Sowjetbürgers in seiner Tasche landete und immer mehr davon unter der Matratze der Buchhalterin selbst. Sie war schließlich die Meisterin des Rechenschiebers und eine ausgezeichnete Zahlen-Jongleurin. Ständig überprüfte sie die Ergebnisse meines hölzernen Kollegen, in dem sie die Zahlen, nicht mehr so sanft wie zu Anfang, mit ihren nach gebratenem Hähnchen stinkenden Fingern in meine Tasten einhämmerte. Sie schaute immer sehr skeptisch auf mein Display und rülpste oft leise, mich mit den Resten der Mittagsmahlzeit dabei bespritzend. Bei dieser Gelegenheit verfinsterten sich meist ihre wildbewachsenen Augenbrauen, die wohl sehr eng mit denen des Genossen Breschnjew verwand waren und eine große Ähnlichkeit mit denen von dem Theo Waigel aufweisen konnten. Scheinbar waren die Ergebnisse die ich lieferte zu genau, denn irgendwann verschwand die Buchhalterin und wurde durch eine neue ersetzt. Diese wurde aber nach einiger Zeit nicht weniger gierig und so drehte sich der ewige Kreislauf der Korruptionssansara. Nicht, dass es mich irgendwie berührt, aber so begann der Niedergang der Sowjetunion und ich durfte dran mitrechnen.

Wenig später ersetzte man mich durch einen neuen, schicken PC. Wo dieser ehrenwerte Kollege herkam und wieviel Geld er gekostet hat, durfte ich nicht mehr erfahren, da derselbe Mensch, der den PC aufbaute mich mit sich nahm und in einem Regal voller Ersatzteile abstellte. Ich sollte ausgeschlachtet werden.

Das Meiste von mir konnte somit in aller Ewigkeit in diesem Regal vor sich hin verstauben, nicht aber mein Hirn. Es bestand aus robustem sowjetischem Silizium, das früher in der Wüste Karakum rumlag. Auf diesem Sand wurden so einige Schlösser gebaut, die aber so ähnlich wie die UdSSR selbst nicht den Qualitätsstandards der Zeit entsprachen und somit in sich zusammengebrochen sind.

Mein Chip wurde an eine zwielichtige Person aus der Personalabteilung weiterverkauft. Die paar Rubel wurden direkt in eine Flasche selbstbgebranntem Schnaps umgesetzt, welche dann auch am gleichen Abend zusammen mit dem ortsansässigem Elektriker geleert wurde.

Der Käufer war ein einsamer Mann und ein Hobbybastler. Ich war wohl ein fehlendes Puzzleteil zu seinem Glück und so lötete er mich vorsichtig in ein Miniflugzeug ein. Diese schmerzhafte Prozedur übte mich der Geduld und minderte meine Schmerzempfindlichkeit auf ein Minimum.Meine neue Aufgabe bestand im Wesentlichen darin, das Flugzeug während des Fluges stabil zu halten, was ich natürlich hervorragend tat und sehr erfolgreich beim Absturz direkt beim Jungfernflug umsetzte.

Da das Flugzeug etwa einen Meter hinter der Grenze auf dem chinesischem Hoheitsgebiet sehr elegant eine Bruchlandung hinlegte und es keinem, außer dem unglücklichem Bastler auf der kasachischen Seite der Grenze und der Schildkröte auf der chinesischen Seite der Grenze auffiel, blieb ich eine sehr lange Zeit dort liegen.

Die ersten zehn Jahre verbrachte ich damit die Zahl Pi bis zu 182639844437090. Stelle hinter dem Komma auszurechnen. Als ich dieser sinnvollen Aufgabe aber, ungeduldig wie ich war, im elften Jahr langsam überdrüssig wurde, wendete ich mich dem Studium des kasachisch-chinesischen Grenzlandes zu, was sich als sehr zeitintensiv herausstellte.

Die Jahre vergingen. So nach und nach legte ich mir ein Fell und einen Glauben zu. Eines Tages sammelte mich jedoch ein Mensch auf und unterbrach meine doch sehr wichtige Nachforschungen. Diese Zeit in der Freiheit prägte mich sehr und ich lernte die freie Wildbahn zu lieben.


Irgendetwas stach in mein Gefängnis ein und die ersten, grellen Lichtstrahlen, des künstlichen Lichts, die zu mir durch die schmalen Schlitze drangen, blendeten mich fast. Eine Weile wurde an meiner Verpackung wohl die Schärfe des Messers ausgetestet.

Etwas später wurde dann der Deckel meiner Verpackung sehr unsanft abgerissen und ich sah das Angesicht meines Befreiers. Der wahnsinnige, benommene Blick erschrak mich ein wenig und regte meine Batterien etwas an, sodass die LED’s an meiner Oberseite kurz aufleuchteten. Mein zukünftiger Herr fing an zu sabbern. Der Speichel tropfte aus seinem wutverzerrtem Mund auf den Küchenboden, als seine Tochter die Küche betrat. Sein mit rotem Bart verunstaltetes Gesicht weckte etwas Hoffnung in mir, als ein leichter Anflug eines Lächelns über sein Gesicht huschte. Er wischte den Sabber mit dem Ärmel seines T-Shirts ab und gab mir einen Namen.

Der Name war mir aus der Zeit in der Sowjetunion sehr geläufig und lautete Födor. Die Tochter gab ihre Zustimmung, schnappte sich aus dem Obstkorb einen Apfel und verschwand wieder, leichtfüßig durch die Wohnung hüpfend.


Nachdem meine Überreste samt Flugzeug für nicht mehr tauglich befunden wurden, steckte man mich in einen Sack. Da ich leider noch keinen Sound ausgeben konnte, musste ich das stillschweigend über mich ergehen lassen. Man schleppte mich zu einem Recyclinghof, wo ich dann ausgelötet wurde und eine Reinigung durchlief. Man befreite mich von meinem Fell und dem Rest des Glaubens an die Menschheit und steckte in die Kiste zusammen mit vielen anderen Chips, die scheinbar das gleiche Schicksal ereilt hat.

Nach einiger Zeit in der Hitze und Enge dieses Gefängnisses, wurde ich mit all meinen Mitinsassen in eine Art Trichter gekippt und nach einem langen Fall fand ich mich auf einem Transportband wieder. Dieser Band aus Gummi roch sehr streng nach Chemikalien und lief in einer Halle komplett um. So konnte ich eine Sightseeingtour genießen, die ich nie vergessen werde. In der ganzen Halle befanden sich viele kleine Leute. Sie standen an den kleineren Bändern, die von den grossen Bändern mit Materialien verschiedenster Art versorgt wurden. Alle Menschen waren furchtbar beschäftigt. Manche von denen konnte ich nicht mal am Geschlecht unterscheiden. Sehr wahrscheinlich werden in den Fabriken kleine Menschen den großen bevorzugt. Die Arbeiten, die die Menschen ausführten waren so fein, dass es dafür anscheinend kleine Hände bedurfte. Ich sah wie auf einem Band wunderliche Platinen mit Chips bestückt wurden, auf einem anderem Band wurden diese Platinen in runde Gehäuse gesteckt und auf anderen Bändern bekamen diese Gehäuse Deckel und Räder.

Manche von diesen Runden Geräten bekamen runde Besen, andere wiederum bekamen Messer und wurden wahrscheinlich zu Kampfroboter ausgebaut. „Das sind Rasenmäherroboter!“ flüsterte jemand in der Nähe. „Was ist denn das?“ fragte jemand anderes. „Die dürfen in die Freiheit!“ belehrte leise ein anderer.


Fortsetzung folgt.

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